Agenda Setting und Weblogs 23 Januar 06

In der Dezember-Ausgabe von First Monday ist ein Aufsatz von Aaron Delwiche zu Weblogs und Agenda Setting erschienen. (Der Aufsatz ist mir komischerweise gar nicht aufgefallen. Ich habe ihn dann erst via meinungsmacherblog entdeckt.)

Zu tatsächlichen Agenda-Setting-Effekten [1] liefert der Beitrag leider keine hilfreichen Ergebnisse. Es werden Agenden für 2002 und 2003 für Weblogs, Massenmedien und Publikum aufgestellt, die aber alle nur über den Jahresdurchschnitt und auch sonst methodisch sehr schlicht erhoben wurden (Medien-Agenda über AP-Editor Survey, Publikums-Agenda über Gallup-Umfrage, welche Themen im Wahlkampf 2004 wichtig sein werden).

Interessanter ist da die theoretische Einordnung von Weblogs in der Agenda-Setting-Forschung.
- Agenda-Setting hat oft das Problem, dass das Auftreten eines Themes nur schwer direkt mit einem Medieninhalt zu verknüpfen ist. Weblogs ermöglichen das über die Links.
- Unklar ist aber, wie die Weblog-Agenda überhaupt einzuordnen ist. Weblogs unterminieren die Unterscheidung zwischen Medien und Publikum, und damit die Unterscheidung von Medien- und Publikums-Agenda.
- Delwich verweist auf einen Artikel von Brosius und Weimman [2], der die two-step flow-Forschung mit der Agenda-Setting-Forschung verknüft: Agenda-Setting sei ein Prozess, in dem “influential individuals collect, diffuse, filter, and promote the flow of information” (564). Das beschreibt sehr schön eine Funktion von Weblogs.

Also: Guter Artikel zum Weiterdenken.


[1] Die Agenda-Setting-Forschung befasst sich mit der Frage, inwiefern die Behandlung und Gewichtung von Themen in den Medien (also die Medien-Agenda) Einfluss auf die Einschätzung der Wichtigkeit eines Themes beim Publikum (Publikums-Agenda) oder auch auf die Behandlung eines Themas in der Politik (Politik-Agenda) nimmt. “[...] the press may not be successful much of the time in telling people what to think, but it is strongly successful in telling its readers what to think about” (Bernard Cohen 1963).

[2] H. B. Brosius and G. Weimann, 1996. “Who Sets the Agenda? Agenda-setting as a Two-step Flow,” Communication Research, 23 (5). 561-580.

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Diskussion 8 Kommentare bislang

  1. Monika Herold

    Danke für den interessanten Eintrag. Ich befasse mich gerade mit einer Hausarbeit über den zukünftigen Einfluss von Weblogs bei Bundestagswahlen, und gerade über “Agenda-Setting” habe ich noch keinen Literatur gefunden. Ich danke dafür.

    Monika Herold

  2. Christian Katzenbach

    Freut mich, dass der Eintrag hilfreich für Dich ist.

    Das Thema Deiner Arbeit hört sich spannend an. Ronald Abold forscht auch zu Weblogs und Wahlkämpfen, vielleicht hilft Dir das auch weiter. Hier ein Artikel von ihm zu seiner Studie (pdf).

    Ausserdem vielleicht für Dich von Interesse: Meine del.icio.us Links zu Blogging und Agenda Setting. Viel Erfolg mit der Arbeit (das Ergebnis würde mich sehr interessieren..)

  3. Monika Herold

    Nun ja,

    so wahnsinnig interessant ist es nicht wirklich, da ich nur circa 20 Seiten schreiben darf und muss mich deshalb ziemlich kurzfassen und nur auf ein Thema beschränken. Also ist meine große These, dass Weblogs in den kommenden Bundestagswahlen ein fundamentales Wahlkampfinstrument werden. Dabei analysiere ich eher Abgeordneten-Blogs (Andrea Nahles bei focus.de und Silvana Koch-Mehrin etc.) und die unabhängien Blogs von einzelnen Pareimitgliedern. Leider sind die alle ziemlich stümperhaft, wenig interessant und kurzfristig zusammengeszimmert. Die wenigsten Politiker haben sich wirklich Mühe gegeben.
    Das Agenda-Setting wird wohl erst in Zukunft eine Rolle spielen. Ich will da ein paar Parallelen zu den USA ziehen (Dean for America). Es gibt auch ein paar interessante Umfragen, wo die Chefredakteuren der großen amerikanischen Zeitungen angeben, regelmäßig in Blogs zu stöbern und daraufhin bestimmte Stories zu bringen, die in den Blogs diskutiert wurden. (http://www.danieldrezner.com/research/blogpaperfinal.pdf)
    Ganz spannend fand ich bei zeit.de (http://www.zeit.de/2005/21/nrwblogs), dass CNN den Gewinner des TV-Duells (Bush vs. Kerry) aufgrund von Blogger-Meinungen auserkoren hat.
    Interessant wäre natürlich zu wissen, ob es so etwas auch in Deutschland während der Wahl 2005 gegeben hat. Und in wie weit sich so eine Entwicklung für Deutschland voraussagen lässt. Aber immerhin hat die SPD auf ihren Parteitag schon mal die wichtigsten Blogger mit eingeladen, damit die darüber berichten können. (Das kann man jetzt natürlich gut finden oder auch nicht, aber für meine Arbeit ist das schon mal ganz wichtig, weil es zeigt, dass Parteien dieser Sache doch einigen Einfluss beimessen).
    Es ist schön, sich mal mit jemanden über dieses Thema unterhalten zu können. Die meisten wissen immer gar nicht, wovon ich rede, wenn ich von “Weblogs” anfange. Ich selbst bin ganz überrascht von diesem Potenzial. Noch vor zwei Wochen, wusste ich gar nicht, was Blogs genau sind und hab mich über Begriffe wie „Blogosphäre“ und „Trolls“ totgelacht. Mittlerweile bin ich aber der Meinung, dass das ganze doch ernst zu nehmen ist. Und dass es aus der Wahlkampfperspektive gesehen, ungemein wichtig ist, diese Entwicklungen nicht zu verpassen.

    Ich danke Dir für die Hilfe. Hätte aber noch eine Frage. Ich habe gelesen, dass Weblogs auch großen Einfluss gewinnen können, durch das gegenseitige Vernetzen. Je öfter eine Seite als Link bei anderen auftaucht, desto höher steigt sie bei Suchmaschinen wie Google im Ranking. D.h. dass vielleicht irgendwann einmal nicht die offizielle CSU-Seite als Nr. 1 bei Google auftaucht, wenn man „Stoiber“ eintippt sondern irgendein Weblog, vielleicht sogar ein „Anti-Stoiber-Blog“. Stimmt das? Dadurch könnte der Einfluss von Blogs natürlich noch weitersteigen…

  4. Christian Katzenbach

    Ja, das stimmt. Google und inwzischen auch die anderen Suchmaschinen funktionieren alle nach diesem Prinzip: Je mehr Links auf eine Seite verweisen, umso besser ist ihre Platzierung in den Suchergebnissen (vgl. z.B. den PageRank-Artikel bei Wikipedia).

    Blogs verlinken i.d.R. relativ viel, oft auf andere Blogs - das ist ein Grund, weshalb Blogs meist sehr gut in Suchmaschinen-Ergbebnissen platziert sind. Ein anderer ist, dass die Blog-Systeme (also hier z.B. Wordpress oder andere wie MovableType, b2evolution, blogger.com etc..) Webseiten produzieren, die sehr gut an die “Bedürfnisse” von Suchmaschinen angepasst sind, also von denen gut lesbar sind.

    Und ja: Das ist natürlich ein wichtiger Punkt, wenn man die Frage behandelt, welchen Einfluss Weblogs haben können. Eine der wenigen Fälle, in denen Blogs ein Thema in die Massenmedien transportiert haben, war ja der Jamba-Fall. Das Weblog Spreeblick, auf dem der auslösende Artikel erschien, ist noch auf Platz der Google-Ergebnisse, wenn man nach “Jamba” sucht. Ein längerer Artikel von Tim Fischer dazu hier (pdf). Ich vermute, dass die meisten Themen aus der Blogosphäre dann (und nur dann?) nach “draußen” (also in die Massenmedien,die öffentliche Debatte jenseits der Weblogs) schwappen, wenn ein oder mehrere Weblog-Einträge gute Plätze bei Suchmaschinen einnehmen.

    Ich bin immer wieder selbst erstaunt, wie gut Weblogs bei Suchmaschinen-Ergebnissen platziert. Das hat ja auch der Vergleich von Jason Kottke. Selbst mein Weblog, das derzeit wohl kaum mehr als 10 regelmäßige Leser hat (und fast keine Seiten, die hierher verweisen), taucht bei manchen Themen unter den ersten 20 Treffern auf. Du scheinst ja auch über eine Suche hierher gelangt zu sein.

  5. Sebastian Grünwaldt

    Zitat s.o.: “… derzeit wohl kaum mehr als 10 regelmäßige Leser hat … scheinst ja auch über eine Suche hierher gelangt zu sein.”

    Hallo,
    der 11., auch suchende, Leser hier ;-)
    Ein Blog - ein Gespräch: würde mich gerne hier einklinken. Ich befinde mich gerade noch in der Recherche und Strukturierungsphase für meine Diplomarbeit “Zukunft des Web”. Social Software, also auch Blogs, ist einer der Hauptschwerpunkte. Ich kann viele Deiner Einträge und weiterführenden Links gut gebrauchen, dieser hier besonders für den Part “Polit-Blogs”, vielen Dank! Meinen eigenen WP-Blog habe ich grade frisch aufgesetzt, meine Linksammlung ordne ich grade, um mein del.icio.us Linktopf zu füttern. Gerne später Auch in meine German Blogroll habe ich Dich eingetragen, OK?
    Gruss aus dem Schwarzwald nach Berlin,
    Sebastian

  6. Christian Katzenbach

    @Sebastian: Hallo - ja, schön, dass Du Dich einklinkst und dass Dir ein paar meiner Einträge geholfen haben. Bin gespannt auf Deine Diplomarbeit und den Weg dorthin.

    Fehlt da im vorletzten Satz etwas: “Gerne später Auch…..”. Gerne später ..was?

    Gruß zurück in den Schwarzwald. Ich habe auch ein Jahr in Freiburg gelebt und manchmal vermisse ich die Gegend wirklich.

  7. Sebastian Grünwaldt

    Jau, “Gerne später zugreifen” sollte es heissen! Vielleicht ist ja das ein oder andere Neue dabei.

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  1. Weblog für empirische Wahlforschung


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