Trackbacks, Links und Öffentlichkeit 28 Juni 07

Ich sitze bei meiner Magisterarbeit gerade an einem Abschnitt über Trackbacks und wie sie Anschlusskommunikation und damit die Herausbildung von Öffentlichkeiten unterstützen. Hier mal die erste Version. Ich freue mich sehr über Kommentare zur Verständlichkeit, Richtigkeit und besonders auch zu den Schaubildern.

Die Verknüpfung von Texten durch Hyperlinks (kurz: Links) liegt im Kern der Idee und Wirklichkeit des World Wide Web (WWW).*1* Links ermöglichen es dem Nutzer, von einer Stelle im Dokument direkt auf ein anderes Dokument zuzugreifen. Ein Text im WWW, der etwa wie eine Fußnote auf einen anderen verweist, bietet so die Möglichkeit, diesem Verweis sofort zu folgen und den verlinkten Text zu lesen. Damit bieten Texte im WWW dem Nutzer nicht nur eine sequentielle Lesart an, sondern sie bilden ein Netz von Texten, das durch unzählige Querweise geknüpft ist und vom Nutzer auf eigenen Wegen erschlossen wird. Gleichzeitig werden gegenseitige Bezugnahmen durch Links explizit. Eine Debatte lässt sich anhand der gesetzten Verweise bis zum Ursprungstext rückverfolgen.*2*

Hyperlinks operieren im WWW allerdings nur einseitig. Die Verbindung, die ein gewöhnlicher Link zwischen zwei Seiten herstellt, wird nur auf einer sichtbar: auf der Seite, die den Link gesetzt hat. Auf der Zielseite gibt es dafür keinen Hinweis. Debatten werden so nur in einer Richtung – rückwärts – und damit auch nur auf dem einmal eingeschlagenen Weg verfolgbar. Interessiert man sich für das Thema eines Dokuments, lassen sich nur die Bezugnahmen dieses Dokuments nachvollziehen; d.h. man gelangt lediglich auf den Ursprungstext (und dessen etwaige Verweise), nicht aber auf andere Seiten, die ebenfalls den Ursprungstext verlinkt haben oder auf Seiten, die das Thema fortführen. Diskussionen sind so nur rückwärts und nur auf dem eigenen Diskussionsstrang nachvollziehbar (vgl. dazu die zweite Abb. linke Seite: für Autor und Leser des Dokuments sichtbare Dokumente sind weiß, unsichtbare grau gekennzeichnet).

Weblogs verwenden eine Technologie namens Trackbacks, die dies ändert: Verlinkungen werden auch in der Gegenrichtung verfolgbar. Verweist ein Beitrag auf einen anderen, so sendet er eine kurze Benachrichtigung („Ping“). Verfügt die Zielseite ebenfalls über die Trackback-Technologie, kann sie die Bezugnahme registrieren. Dadurch können Weblog-Beiträge, im Gegensatz zu herkömmlichen Webseiten, eine Liste der Seiten, die auf sie Bezug genommen haben, darstellen (vgl. Abb.).*3*

Link Trackback.png

Auf diese Weise wird das Netz zwischen Weblog-Beiträgen (und anderen Seiten, die diese Technologie verwenden) wesentlich enger geknüpft – nämlich beidseitig. Autoren und Nutzer sehen, an welcher Stelle eine Diskussion weiter geführt oder zumindest Bezug auf den Text genommen wird (vgl. zweite Abbildung). Während bei gewöhnlichen Links Teile der Debatte, und besonders ihre Fortführung unsichtbar bleiben (in der Abb. sind dies die grauen Dokumente), machen Trackbacks den gesamten Diskussionszusammenhang manifest. Autor und Leser eines Dokuments sehen sowohl die Texte, die Diskussion weiterführen, als auch andere Dokumente, die sich ebenfalls auf das Ursprungsdokument beziehen (in der Abb. weiß).

Link Trackback Struktur.png

Offenkundig wird der Unterschied und auch dessen kommunikationswissenschaftliche Relevanz an einem Beispiel: Nimmt eine Internetnutzerin einen Artikel einer Online-Zeitung zum Klimawandel zum Anlass, einen eigenen Kommentar auf ihrer Homepage zu verfassen, können Leser ihrem Link zur Online-Zeitung verfolgen. Allerdings besteht nun weder für die Autorin noch für ihre Leser eine direkte Möglichkeit, sich darüber zu informieren, ob etwa noch andere Netznutzer einen Kommentar mit ihrer eigenen Lesart auf ihrer eigenen Homepage veröffentlicht haben – oder ob jemand wiederum den Kommentar der Nutzerin selbst zum Anlass für einen weiteren Text genommen hat.*4* Im Kontext von Weblogs und Trackbacks stellt sich die Situation anders dar. Kommentiert die Nutzerin den Artikel in ihrem Weblog, sendet dieses eine Benachrichtigung an die Website der Online-Zeitung. Kennt diese die Trackback-Technologie, erzeugt sie einen Verweis unter dem Artikel, der auf den Weblog-Eintrag der Nutzerin führt. Haben andere Blogger ebenfalls Bezug auf den Artikel genommen, wird hier auch auf ihre Beiträge verwiesen. So werden vielfältige Lesarten und Kommentierungen des Artikels transparent und die Rezipienten bzw. Blogger können sich untereinander austauschen. Auch die weiterführenden Diskussionen, die sich an den Weblog-Eintrag der Internetnutzerin anschließen werden erschließbar. Sie erzeugen einen direkten Verweis unter ihrem Beitrag und lassen sich so nachvollziehen.

Weblogs ermöglichen so in wesentlich höhere Maße als herkömmliche Webseiten Anschlußkommunikation. Wechselseitige Bezugnahme, die für die Herstellung von Öffentlichkeit zentral ist, wird durch Trackbacks unterstützt, in dem sie Verknüpfungen beidseitig begehbar machen. Dadurch, dass so Debatten fortgeführt und verschiedene Lesarten transparent gemachten werden, kann Weblog-Kommunikation (zumindest potentiell) dem episodenhaften und flüchtigen Charakter von face-to-face-Kommunikationen in Encounter-Öffentlichkeiten entgehen. Für Kommunikationen über gewöhnliche Homepages gilt dies nicht zwingend: sie sind war in zeitlicher Hinsicht persistent, in struktureller Hinsicht lassen sie sich im oben beschriebenen Sinn aber häufig durchaus als Episoden begreifen, die keine Anschlusskommunikation unterstützen. Die einzelnen Homepages (und ihre Nutzer) bleiben weitgehend isoliert.

*1* Die Begriffe World Wide Web (WWW) und Internet werden zwar häufig synonym verwendet, sind aber keinesfalls gleichzusetzen. Das Internet ist die Basisinfrastruktur in Form eines globalen Verbunds von Rechnernetzwerken, das auf einem Set offener technischer Kommunikationsprotokolle basiert. Darauf setzen verschiedene Dienste wie E-Mail, der Datenübertragungsdienst FTP oder eben das WWW. Das WWW ist demnach der sichtbarste Teil des Internet. Es lässt sich als Netz aus Dokumenten beschreiben, die durch Hyperlinks aufeinander verweisen. Vgl. zu einer Geschichte des Internet Hafner/Lyon (1996) und Abbate (1999), zur Diskussion einer Definition Cannon (2002) und zu einer allgemeinen Einführung in Internet und das WWW Meinel/Sack (2004).

*2* Vgl. zu einer umfassenden Darstellung zur Geschichte von Hyperlinks und dem Merkmal der Nicht-Linearität Kuhlen (1991),

*3* Vgl. zu einer guten Darstellung der Trackback-Technologie den englischen Wikipedia-Artikel Trackback (Stand: 28.05.2007. URL: http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=TrackBack&oldid=134142489).

*4* D.h. es existieren keine nachvollziehbaren Links in diese Richtung. Recherchieren ließe sich das über Suchmaschinen durchaus in den meisten Fällen, wäre aber sehr aufwändig und keinesfalls für alle rezipierten Texte denkbar.

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