Zeitung und TV sind Many-to-Many-Medien 13 Oktober 06

Ein weiterer Gemeinplatz der Internet-Forschung – neben dem Community-Thema – ist die Feststellung, dass “das Internet” ein Many-to-Many-Kanal sei – im Gegensatz zu den traditionellen Massenmedien, die durch One-to-Many-Kommunikation gekennzeichnet seien. Wer diese starre Dichotomie bislang in Frage gestellt hat, kritisierte meist die pauschale Zuweisung, das Internet sei Many-to-Many (als Infrastruktur ermöglicht es viele One-to-Many-Kommunikationsformen, Web 1.0 war das ja hauptsächlich). In Soziale Kommunikation im Internet arbeitet Philomen Schönhagen nun auch am anderen Pol: Auch Zeitungen und TV realisieren primär Many-to-Many-Kommunikation. Wie das?


Die traditionellen Modelle und Verständnisse der Massenkommunikation (wie etwa Maletzkes Feldschema) vermengen nach Schönhagen Verbreitungsstruktur und Kommunikationsprozess. Die Verbreitungsstruktur ist tatsächlich und fraglos One-to-Many und einseitig bei Zeitung, TV und Co. Ein Sender, viele Empfänger. Aber – und das ist Schönhagens spannender Punkt – die Kommunikationsprozesse, die über diese Struktur ablaufen, sind damit nicht zwangsläufig identisch. Warum? Weil die Kommunikationspartner selten Zeitung/Redakteur und Leser seien, sondern in der medialen Arena meist extramediale Akteure zur Sprachen kommen. Die Massenmedien vermitteln das Gespräch der Interessengruppen, Personen, etc. Nur wenn Medienakteure selbst als Sprecher auftreten, wie etwa in Kommentaren, fallen Verbreitungsstruktur und Kommunikationsprozess zusammen und wir haben es mit purem One-to-Many zu tun.

Medien haben in diesem Modell also eine doppelte Funktion:

  1. Vermittlung der gesellschaftlichen Kommunikationen anderer Akteure: Der Kommunikationsprozess ist hier ein Many-to-Many-Prozess. Massenmedien sind hier (technische) Vermittler.
  2. „Beobachter zweiter Ordnung“: Beobachtung, Synthetisierung der gesellschaftlichen Kommunikation. Dies ist ein One-to-Many-Prozess. Medien sind hier Kommunikatoren, die ihre Aussagen verbreiten.

Gefällt mir gut dieser Ansatz. Auch weil er die Funktionen von Medienakteuren störker in Richtung Vermittler, also Intermediär, fokussiert und weniger in Richtung Anbieter von Content. Ich denke, dass diese Perspektive fruchtbarer für die Analyse von Internet-Kommunikation und neuen Intermediären ist.

Was dabei allerdings etwas untergeht: Auch in Funktion (1) ist die Rolle der Medien natürlich nicht passiv. Die Idee, dass Medien ein möglichst korrektes Abbild geben (oder geben sollten) vertritt wohl nur noch Medien-Newcomer Eric Schmidt (Scholar: “All news have a bias, yours must, too.” – “Schmidt: “I can assure you. It has no bias. These are computers, they’re boring. I’m sorry you just don’t get it.” [*]). Auch in ihrer Vermittlungsfunktion, in der Auswahl, Gewichtung und Präsentation von Themen strukturieren sie gesellschaftliche Agenden und unser Bild der sozialen Wirklichkeit. Nicht nur durch ihre – im Schönhagens engerem Sinn – eigenen Aussagen. Es ist enorm wichtig, dies mitzudenken, wenn man ihrem Modell folgen will und von Massenmedien als Ermöglicher von Many-to-Many-Kommunikation sprechen will.

* Reported in: Alejandro Diaz: Through the Google Goggles: Sociopolitical Bias in Search Engine Design [pdf]. Stanford University. May 2005. Page 158.

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